Rebecca verzaubert St.Gallen
Montag, den 24. Oktober 2011 um 20:11 Uhr
Rebecca - Bild: Tanja DorfendorfÜber kaum ein anderes Musical wird derzeit so viel berichtet, wie über „Rebecca“. Das Vereinigte Bühnen Wien-Musical von Michael Kunze und Sylvester Levay feierte am 22.10.2011 Premiere im Stadttheater St. Gallen. Der Inhalt über die Geschichte vom verwitweten Maxim de Winter und seiner neu angetrauten Frau ist wohl inzwischen hinreichend bekannt. Wer sich noch einmal informieren möchte, kann dies hier tun. Irgendwie schien im Theater St. Gallen alles eine Nummer größer zu sein als bei anderen Premieren zuvor. Geladene Gäste, Kameras und auch die Kleidung der Gäste deutete darauf hin, dass mit „Rebecca“ eine neue Ära im Stadttheater St. Gallen beginnt. Zum ersten Mal waren hier die neuen Lieder „merkwürdig“, „Zauberhaft natürlich“ und petit déjeuner“ auf Deutsch zu hören. Kein Wunder, dass auch Autor Michael Kunze und Komponist Sylvester Levay es sich nicht nehmen ließen, der Premiere beizuwohnen. Schon lange bevor sich um 19.30 Uhr der Vorhang hob, füllte sich das Theater und irgendwie lag Spannung in der Luft.

Nahezu pünktlich eröffnete Lisa Antoni als „Ich“  mit „Ich hab geträumt von Manderley“ den Abend und schnell zeigte sich, was Peter J. Davison mit seinem Team aus der Bühne im Theater gemacht hat. Das Bühnenbild aus Wien wurde adaptiert und auf die Größenverhältnisse im Schweizer Theater angepasst. Drehtreppe, das Hotel in Monte Carlo, das Bootshaus und Rebeccas Schlafzimmer, alles ähnelte Wien und hatte doch seinen eigenen Charme.

Rebecca - Bild: Tanja DorfendorfAuch das Ensemble, bestehend aus  Heidy Suter, Ariane Swoboda, Florian Fetterle (u.a. Giles & Zweitbesetzung Maxim de Winter), Ivo Giacomozzi, Andreas Kammerzelt, Alexandra Farkic, Sonja Schatz, Christian Hettkamp (Oberst Juylan) und Tim Reichwein (u.a. Richter) zeigten, dass das Theater St. Gallen auch im Ensemble große Stimmen auffährt. Mit den zwei neuen Ensemblestücken „merkwürdig“ und „petit déjeuner“ hatte das Ensemble große Auftritte auch wenn „Wir sind britisch“ gestrichen wurde. Oliver Heim zeigte seine Vielfältigkeit zum Einen im Ensemble, spielte aber auch einen unschuldigen Ben, den man einfach lieb haben muss. Er schafft es, die Freundschaft zur neuen Mrs. De Winter zu zeigen und gleichzeitig die enorme Angst vor der verstobenen Rebecca deutlich zu machen. Vor allem seine Stimme und die mimischen und gestischen Mittel wecken im Publikum Sympathie und Mitgefühl.

Doch in St. Gallen war nicht alles neu, denn warum soll man jemanden, von der Michael Kunze selbst sagte, dass nur sie die Beatrice spielen kann, ersetzen? Kerstin Ibald zeigte trotzdem eine neue Beatrice. Nicht weniger komisch und einfühlsam als in Wien aber irgendwie erwachsener. Klar, dass sie die Idealbesetzung ist, hilft ihr ihre Stimme sowie ihre Mimik doch, die Rolle voll auszufüllen. Ihr Solo „Was ist nur los mit ihm“ wurde vom Publikum bejubelt, was damit Kunze wohl Recht gibt. Ihr Kollege André Bauer spielte ebenfalls bereits in Wien. Als Frank Crawley begeistert er durch seine warme Stimme und sein schauspielerisches Talent. Auch in Szenen, in denen er eher am Rand beteiligt ist, schafft er es, dem Publikum seine Gedanken und Gefühle nur durch seine Mimik mitzuteilen.

Als exzentrische Edith van Hopper legt Isabel Dörfler die Rolle für sich an. Ihr komisches Talent gepaart mit der Stimmkraft der Darstellerin verleiht der Rolle das gewisse Etwas. Obwohl sie nur wenig auf der Bühne zu sehen ist („Du wirst niemals eine Lady“, „I’m an American woman“), erntete Dörfler viel Applaus, vor allem für ihre skurrilen und komischen Momente. Bei all dem Lob bleibt Andreas Wolfram hinter den Erwartungen an die Rolle des Jack Favell zurück. Trotz guter Gesangs- und Schauspielleistung wollte der Funke zwischen Wolfram und dem Publikum nicht so recht überspringen. Vielleicht lag es daran, dass er Favell zu böse angelegt hat und er von Beginn an eher unsympathisch gewirkte, vielleicht aber auch daran, wen man als Jack Favell schon gehört hat.

Die Rolle der „Ich“ wurde von Lisa Antoni im ersten Akt herrlich naiv und kindlich interpretiert. Zwar schien es an manchen Stellen, als sei sie sehr nervös und wolle durch besonders schnelles Sprechen, das dann auch zu einer kurzen Textunsicherheit in „die Dame in weiß“ führte, die Premiere hinter sich bringen, doch das legte sich im Laufe des Abends. Die Wandlung vom Kind zur Herrin von Manderley gelang ihr wunderbar und mit ihrer hellen klaren Stimme begeisterte sie das Publikum. Ihren wohl größten Auftritt hatte sie mit „Mrs. de Winter bin ich“. Hier zeigte die Österreicherin, dass sie eben mehr als lieb und nett ist und diese Rolle völlig zu Recht spielt. Gemeinsam mit Thomas Borchert als Maxim de Winter schaffte sie es, die Beziehung und auch deren Veränderung glaubwürdig, echt und schön darzustellen. Thomas Borchert gab dabei einen Maxim, der sehr vielfältig ist. Seine Gefühlsregungen vom liebevollen Mann über den Mann, der eher distanziert ist und sein dunkles Geheimnis verschleiern möchte bis zur Verzweiflung, als er denkt, alles sei vorbei – Thomas Borchert blieb stets glaubwürdig und echt. Vor allem bei „Kein Lächeln war je so kalt“ zeigte er seine Stimmkraft und erhielt dafür den entsprechenden Applaus. Die Rolle des Witwers erfordert viel schauspielerisches Geschick und die Erwartungen an Borchert waren groß, doch diese übertraf er.

Rebecca - Bild: Tanja DorfendorfDoch der Star des Abends war Maya Hakvoort als Mrs. Danvers. Zwar hinterließ Wien große Fußstapfen für die Rolle, doch die Holländerin füllte diese mehr als aus. Passend zur Rolle wirkte sie unheimlich und düster. Vor allem ihre Lieder über die tote „Rebecca“ begeisterten das Publikum und so erhielt sie auch den meisten Applaus, sowohl während als auch nach dem Stück. Ihre Mimik half deutlich klar zu machen, was sie von der neuen Mrs. de Winter hält und sorgte für Gänsehaut im Publikum. Insgesamt ist „Rebecca“ in St. Gallen einen Besuch wert und das Stadttheater, das schon lange nicht mehr nur ein Geheimtipp ist, zeigt einmal mehr, wie Musical funktioniert und wie man das Publikum begeistert. Wie soll man sonst erklären, dass auch lange nach der Show noch gefeiert wurde und aus der einen oder anderen Ecke Liedausschnitte in gesungener oder gesummter Form zu hören waren? (sh)
 

Kooperationspartner

StageFit Bonn - Bild: Annette Kreutz

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