Tanz der Vampire: "Ein Meer von Gefühl und kein Land" - Emotionaler Abschied in Stuttgart
Mittwoch, den 19. Oktober 2011 um 18:51 Uhr
Tanz der Vampire - Bild: Stage EntertainmentDernièren lösen in Fans immer zweierlei Gefühle aus: Einerseits freut man sich auf sie, da es sich in der Regel um ganz besondere Vorstellungen handelt; auf der anderen Seite fürchtet man sie, weil sie meist das Ende einer Spielzeit anzeigen und man sich damit von einem liebgewonnenen Stück verabschieden muss. Vorgestern hob sich für das gesamte Team von „Tanz der Vampire“ in Stuttgart nach gut zwanzig Monaten erfolgreicher Spielzeit das letzte Mal der eiserne Vorhang. Dieser Bericht bezieht sich auf die Nachmittags-Dernière, in der sich der deutsche Ur-Graf Kevin Tarte, Joana Henrique (als Sarah), Michael Heller (als Alfred), Juliane Bischoff (als Rebecca), Lucas Theisen (als Tanzsolist) und nicht zuletzt Jakub Wocial (als Gesangssolist) vom Publikum verabschiedeten. Fans aus ganz Deutschland waren angereist, um sich diese letzte, restlos ausverkaufte Matinée nicht entgehen zu lassen und sie sollten nicht enttäuscht werden. Zum ersten Mal seit langer Zeit gab es nämlich wieder eine Dernière, die den Ansprüchen der Anhänger nicht nur gerecht wurde, sondern sie bei Weitem übertraf, hatte sich die Cast doch unzählige kleine und auch größere Gags überlegt, um die Treue der Fans entsprechend zu würdigen.

Es würde den Rahmen dieses Berichtes sprengen, jeden einzelnen Gag zu erwähnen, vielmehr soll versucht werden, die großartige Stimmung wiederzugeben, die die dreistündige Vorstellung extrem kurzweilig machte und den Abschied mit Sicherheit nicht leichter gestaltete. Schon bei der eröffnenden Ensemblenummer „Knoblauch“ übertrug sich die extreme Spielfreude der Cast auf die ohnehin schon gute Stimmung im Publikum. Mit entsprechender Begeisterung wurde auch die vom Dorftrottel (Tim Edwards) gestrickte „Tanz der Vampire“-Fahne, die das Wort „Danke“ zierte, registriert, was das Tanzensemble (bestehend aus Zoltan Fekete, Brett Hibberd, Alan Kelly, Anna Lopusny, Sandra Milly, Raphaela Pekovsek sowie Judit Szoboszlay) sowie das Gesangsensemble (zusammengesetzt aus Tim Edwards, Laura Greer, Dennis Jankowiak, Miriam Lotz, Helen Morris, Thomas Schweins, Linda Veenhuizen und Gemma West) zu Höchstleistungen anspornte. Auf die berühmte Professoren-Frage „Gibt es in dieser Gegend ein Schloss?“, gab es dieses Mal eine detaillierte Wegbeschreibung – zumindest, bis man den gesprächigen Dorftrottel zum Schweigen gebracht hatte. Das verlockte dem kauzigen Professor (routiniert: Christian Stadlhofer) jedoch kaum mehr als eine müde hochgezogene Augenbraue.

Joana Henrique fand als Sarah genau die richtige Mischung aus naivem Mädchen und gewieftem weiblichen Teenie. Das Zusammenspiel mit Michael Heller (Alfred) war charmant anzusehen und gemeinsam machten sie jede ihrer Szenen – wie zum Beispiel „Ein Mädchen, das so lächeln kann“, „Du bist wirklich sehr nett“ und „Draußen ist Freiheit“ zu einem Genuss für Auge und Ohr. Die in jener Vorstellung besonders deutlich hervorgehobene Neckerei zwischen den beiden fand im letztgenannten Lied ihren Höhepunkt, als Heller das spielerische auf-die-Nase-Tippen Henriques    mit frechem Grinsen spiegelte, woraufhin die verdutzte Henrique jene Geste eben noch einmal wiederholte. Ein kleiner Gag nur, der nichts desto trotz sehr gut ankam und auch sehr gut zur Annäherungsthematik dieser Szene passte. Obwohl Sarah Alfreds offensichtliche Verliebtheit sichtlich schmeichelte, wollte sie trotzdem unbeirrt weiter Richtung Schloss. Daher war ihre Freude über die „rote(n) Stiefel“ mehr als verständlich. Dass sie dieses Mal jedoch ganz in Zalando-Manier laute Freuden-Juchzer über das Geschenk ihres hochwohlgeborenen Verehrers ausstieß, sorgte im Zuschauerraum für ausgelassene Heiterkeit.

Eine so verspielte Sarah verzauberte natürlich nicht nur Professoren-Lehrlinge; auch ein Graf von Krolock war gegen diesen Jungmädchen-Charme nicht immun. Das zeigte sich gleich zu Beginn der „Einladung zum Ball“, als der Dachgraf mit einer langstieligen Rose zwischen den Lippen erschien und diese mit zielsicherem Timing just dann fallen ließ, als Graf Kevin die Bildfläche betrat. „Verwesungsgeruch“, konstatierte der Professor trocken und hielt seinem Assistenten als Beweis ein Rosenblatt unter die Nase, nachdem der Verführungsversuch des Grafen erfolgreich vereitelt worden war. Nun jedoch war sich Sarah der Zuneigung des Grafen ganz sicher und wollte ihm diesmal nicht bloß bis ins Schloss folgen. „Selbst bis nach Berlin würde ich fahren mit dir“, versicherte sie ihm inbrünstig während des Liebesduetts „Totale Finsternis“. Außerdem schwärmte sie später während der Badewannen-Szene zwischen „Bücher“ und der „Bücher Reprise“ etwas unsensibel Alfred gegenüber: „Der Tarte tanzt heute Nacht nur mit mir.“

Der Neid eines Großteils des Publikums war ihr sicherlich gewiss, aber selbstverständlich war Papa Chagal (brachte frischen Wind in die Rolle: Christoph Leszczynski) nicht erfreut über die Eskapaden des Nachwuchs. Da die körperliche Züchtigung nach „Einladung zum Ball“, die Mama Rebecca (mit viel Herzblut gespielt von Juliane Bischoff) zum entsetzten Ausruf: „Spinnst du, Yoine?“ veranlasste, offenbar keine Früchte getragen hatte, musste Chagal jetzt wohl oder übel „Durch die Wildnis zum Schloss“ aufbrechen. Anders als sonst gab es diesmal aber für seine treue Ehefrau einen richtig dicken, lang anhaltenden Schmatzer – das Publikum nahm diese Liebesbekundung ausgelassen johlend zur Kenntnis. Ebenso freudig honoriert wurde das große rote, von einem schwarzen Pfeil durchbohrte Herz, was den linken Oberarm des Black Vampire (wie immer souverän getanzt von Lucas Theisen) bei „Carpe Noctem“ zierte.

Vor dem „Finale 1. Akt“ gab es diesmal auch einen Vampir im Publikum, der mit schwarzer Perücke und Sonnenbrille ausgelassene Tanzbewegungen machte, die durchaus an den King of Rock n` Roll erinnerten. Eine weitere lustige Tanzeinlage wurde zudem bei der „Totale(n) Finsternis“ geboten, als die Portraits der Ahnengalerie zum Leben erwachten und die für den Partyhit „YMCA“ typischen Armbewegungen ausführten.

Natürlich war mit Tartes Graf von Krolock bei „Vor dem Schloss – Finale 1. Akt“ wie immer nicht gut Kirschen essen und seine beiden „Gäste“ hätten wohl gut daran getan, aus den bedrohlichen und verschlagenen Blicken des Grafen dessen wahre Intention zu lesen. Den Spott darüber, dass zumindest der Professor so bereitwillig in die gestellte Falle tappte („Ja gern, ich kann auch hier studieren“), transportierte Tarte in dieser Szene wie kein Zweiter. Mit samtweicher, schmeichelnder Stimme und einer Gestik und Mimik, die diese Stimme Lügen strafte, lockte er die beiden Wissenschaftler ins Schloss, wo Alfred zum ersten Mal Herbert begegnete. Marc Liebischs Herbert sah Alfreds Erscheinen zunächst einmal nur pragmatisch: „Endlich jemand, der mir die Langeweile nimmt“, kommentierte er und wirkte zunächst kaum weniger bedrohlich als sein Herr Vater. Liebischs Herbert-Interpretation unterscheidet sich deutlich von denen der anderen Stuttgarter Herberts (Fetterle, Wocial, Viscusi, u.a.), ist aber in sich schlüssig. Einen Hauch Verspieltheit brachte Liebisch bei „Wenn Liebe in mir ist“ ein, als er dem verdutzten Alfred als Dernièren-Gag einen kleinen Kuss aufdrückte. An dieser Stelle muss Michael Hellers überaus überzeugendes Schauspiel gelobt werden: Selten sah man so einen jungenhaft-naiven Alfred, der sich im Verlauf des Stückes deutlich entwickelte, indem er über sich und die vermeintlichen eigenen Unzulänglichkeiten hinauswuchs. Auch stimmlich überzeugte Heller auf ganzer Linie und ist insgesamt eine tolle Bereicherung für die Berliner Cast.

Als naiver Professoren-Lehrling Alfred musste er in dieser letzten Matinée allerdings noch mehr ertragen als sonst, ließ sich aber auch nicht mehr alles gefallen. „Es macht eben so ein Knarz-Geräusch, wenn man auf die Stelle tritt“, wehrte er sich so schüchtern seiner Haut, nachdem der Professor ihn nach „Tot zu sein ist komisch“ getadelt hatte, weil er angeblich so viel Lärm beim Herumschleichen veranstaltete. „Aber ich kann die Schritte doch gar nicht“, protestierte er ebenso lautstark beim Menuett nach „Tanzsaal“. Ein großes Highlight der Show stellte ohne Zweifel auch die oben bereits kurz angesprochene Badewannen-Szene dar. Dass Sarah ihren tapferen Retter mit einem enttäuschten „Ach, du bist es“ begrüßte, war wohl nicht neu – dass er sie bei bei der Achselhaar-Rasur erwischte,  aber schon. Allerdings ließ sich Sarah durch Alfreds irritierten Blicke nicht stören. Im Gegenteil, denn nun lief  Henrique erst zur Höchstform auf; zweifellos angespornt von der Reaktion des Publikums, welches Tränen lachte. Sie rasierte sich nämlich nicht nur die Achseln, sondern auch die Beine, die Mundpartie und die Zunge, sowie zum Schluss angedeutet, die Scham. Man kann Heller nur zu seiner ausgezeichneten Beherrschung gratulieren. Obwohl man ihm ansah, dass er mehrfach kurz davor war, die Beherrschung zu verlieren, konnte er diese und die nachfolgenden Szenen fehlerfrei bewältigen.

Magda (solide: Esther Hehl), mittlerweile von ihrem ehemaligen Chef und nun zum Liebhaber erhobenen Yoine Chagal ebenfalls zur Untoten verwandelt, hatte derweil ihren eigenen Weg gefunden, mit all den seltsamen Geschehnissen im Schloss umzugehen. Als sie nach ihrem Schlummer unwillig aus dem Sarg kletterte, hielt sie doch tatsächlich eine Vodka-Flasche in der Hand, was ihr Blut für Chagal wohl noch verführerischer machte, legte er sich danach doch noch mehr ins Zeug, sie zu bezirzen. Koukol  (bewährt: Stefan Büdenbender), der treue Diener seines Herrn, hatte diesmal jedenfalls noch mehr Mühe, das ungleiche Paar zurück in ihren Sarg zu bekommen.

Bei einer so komödiantisch ausgelegten Rolle wie der des Professors, die ohnehin schon viel darstellerische Freiheit zur Ausschmückung bietet, ist es schwierig, noch eine Schippe draufzulegen, ohne sich gleich des Over-Acting schuldig zu machen. Genau dieser Balance-Akt ist Christian Stadlhofer aber gelungen. Eine nette Geste von ihm war außerdem, dass er es schaffte, bei „Bücher, Bücher“ in der heruntergeratterten Autorenauflistung auch noch „Guido Löflad“ unterzubringen, welcher das Orchester des Palladium Theaters in dieser Vorstellung mit gewohnter Effizienz dirigierte.

Emotionales Highlight der Show war wohl „Die Unstillbare Gier“. Schon beim Auszug der Vampire nach „Ewigkeit“ tauchten die Fans das Palladium in ein Meer aus 1500 roten Knicklichtern. So war zwar nach wie vor „kein Stern zu sehen“, allerdings blickte Graf von Krolock dafür in ein rotes Lichtermeer, welches von der Bühne wahrscheinlich noch viel eindrucksvoller wirkte als vom Zuschauersaal gesehen. Tarte musste jedenfalls deutlich schlucken, bevor er ein letztes Mal in Stuttgart sein Paradestück interpretierte, was diesmal noch einen Hauch gefühlvoller daherkam als sonst. Außerdem wanderte der Blick des Herrn Grafen auffallend oft Richtung Zuschauersaal – kein Wunder bei dem überwältigenden Anblick. Aber den Profi zeichnete aus, dass er die „Gier“ trotz aller Emotion fehlerfrei beendete. Mit tosendem Applaus wurde er von der Bühne verabschiedet, nur um wenige Augenblicke später von „seinen“ Vampiren im „Ballsaal“ empfangen zu werden. Eine Vampirin hatte dabei ein rotes Knicklicht in ihre Frisur eingearbeitet, was eine weitere schöne Geste den Fans gegenüber darstellte, den nun unmittelbar bevorstehenden Abschied aber nicht unbedingt leichter machte. Ein letztes Mal erlag Graf Kevin schließlich der Versuchung und zerriss einmal mehr, was er liebte mit jenem routinierten, eleganten offenen Biss, der im Laufe der Zeit zu seinem Markenzeichen geworden ist.

Sobald dann die ersten Takte vom „Finale zweiter Akt – Tanz der Vampire“ erklangen, hielt es wirklich niemanden mehr auf dem Platz und klatschend und tanzend wurden Knicklichter geschwenkt und so der Cast für eine Dernière der Superlative gedankt. Selten wurde so viel während einer Show gelacht; selten so viele Gags auf sinnvolle und nicht störende Weise in die Handlung eines Stückes integriert. Bemerkenswert war neben der außerordentlichen Spielfreude und der fantastischen Leistung des gesamten Ensembles, dem man nur Respekt zollen kann, vor allem die Leistung Stadlhofers, Henriques, Hellers und Tartes. Beim tosenden Schlussapplaus wurden alle, allen voran aber der „Chefvampir“ Tarte, mit Blumen überhäuft und weder auf Seiten des Publikums noch auf Seiten der Cast blieben die Augen trocken. Beim Verlassen des Saals einte alle die Meinung: Es wird wohl kaum eine Dernière geben, die erinnerungswürdiger sein wird als dieser unvergessliche Abschied in Stuttgart. Ein Besuch bei der Berliner „Tanz der Vampire“-Produktion, die Großteile der Stuttgarter Cast übernimmt, wird sich wahrscheinlich ebenso lohnen. (mil)
 

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StageFit Bonn - Bild: Annette Kreutz

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