Nur wenige Wochen bevor der endgültig letzte Vorhang für „Frühlings Erwachen“ fiel, konnten die Musicalfans nun auch im heimischen CD-Player den Frühling erwachen lassen. Allerdings sind auf der live-Aufnahme nicht alle Lieder zur hören, sondern nur ausgewählte Highlights.Den Anfang macht dabei Hanna Kastner als Wendla. Die junge Darstellerin zeigt bereits bei „Mama“, wie Wendla fühlt. Gefühlvoll führt sie in die Geschichte ein und wirft die erste entscheidende Frage auf: Woher kommen die Kinder? In der Reprise schlagen die Mädchen Wendla, Ilse, Martha, Thea und Anna dann die ersten rockigeren Töne an, bevor die Jungs Melchior, Moritz, Georg, Hänschen und Ernst lateinische Verse von Homer zitieren. Melchior zeigt in „Diese Welt“ bereits viel von seinem Charakter: Er ist ein kritisch eingestellter, intelligenter junger Mann, der von Rasmus Borkowski stimmlich gut dargestellt wird. Nach diesen eher stilleren Tönen geht es in „So’n verficktes Leben“ wieder schneller zu. Die ersten sexuellen Gedanken und Bedürfnisse vermischen sich im Leben der jungen Männer mit den anderen Problemen der Pubertät. Damit müssen die Jugendlichen erst einmal klar kommen. Der recht provokante Text, der von Julia Sengstschmid und Nina Jäger übersetzt wurde, spricht den Charakteren dabei aus der Seele und drückt ihre Gefühle passend aus. Doch nicht nur die Jungs haben die ersten Gefühle, auch die Mädchen entwickeln erste Gefühle für die ihnen bekannten Jungs. In „Meine Sucht“ wird klar, was die Mädchen sich von den Jungs erwarten: Händchen halten, im Arm liegen und zusammen sein, die Jungs haben dagegen andere Probleme: Hänschen entdeckt seine Lust und die schon in Wedekinds Werk provokante Onanierszene findet eine sehr gelungene Darstellung. Johannes Huth gibt überzeugend den jungen Mann, der seiner Lust nachgeht. Doch auch Georg muss mit dieser aufkommenden Lust klar kommen. Seine Klavierlehrerin erregt ihn durch ihre Brüste und ihre deutliche Strenge. Die Sexualität der Jungen bleibt auch im Weiteren das zentrale Thema. In einer Unterhaltung zwischen Moritz und Melchior erklärt letzterer seinem Freund, wie sich die Frau beim Beischlaf fühlt. Doch die Jungen wissen nicht genau, wie sie mit der Aufgeklärtheit Melichiors umgehen sollen. So kommt es in „Spür mich“ dazu, dass Moritz die Flucht ergreift. Melchior geht daraufhin zum Nachdenken auf eine Lichtung und trifft dort Wendla. Zwischen den Beiden ist eine erotische und liebevolle Stimmung und so wird in „Mehr als nur Worte“ bereits eine Vorausahnung deutlich, dass zwischen den ehemaligen Kinderfreunden noch mehr passieren wird. Hier wird zum ersten Mal die Harmonie der Stimmen von Hanna Kastner und Rasmus Borkowski deutlich, die beide sehr gefühlvoll und sehr überzeugend mit ihrer Stimme umgehen können.Doch auch wirklich ernste Themen finden ihren Weg in „Frühlings Erwachen“. Marta und Ilse erzählen in „Was sich nicht erzähl’n lässt“ von ihrem Leben. In einer Mischung aus Pop und Rock Song schildern die beiden Mädchen sehr emotional ihre Probleme: Marta wird zuhause von ihrem Vater geschlagen und Ilse wurde in ihrer Kindheit sexuell belästigt. Jennifer Kothe (Ilse) und Sonja Dengler (Martha) zeigen dabei ihr volles Können. Selbst ihre Stimmen klingen nach Aufgabe und Hoffnungslosigkeit. Sie erkennen beide, dass sie ihre Situation nicht ändern können und sich ihrem Schicksal fügen müssen.Zur selben Zeit ergibt sich, dass Moritz die Versetzung in die nächste Klasse nicht geschafft hat. Eine Schande für ihn und seine Eltern und so erbittet er von Melchiors Mutter Hilfe. Er will nach Amerika auswandern und benötigt dabei finanzielle Unterstützung. Doch als diese ihm dies verweigert, ist er enttäuscht und getroffen und so kommen die ersten Selbstmordgedanken auf. In „Und dann ists vorbei“ kann Wolfgang Türks als Moritz völlig überzeugen. Die rockige Note seiner Stimme passt wunderbar zu dem Charakter und zeigt in diesem Fall seine Zerrissenheit und seine Verzweiflung. Melchior ahnt nicht, wie schlecht es seinem Freund geht und trifft zufällig Wendla auf dem Heuboden. Hierbei kommt es zum ersten Geschlechtsverkehr zwischen den beiden jungen Menschen. Die Leistung von Hanna Kastner und Rasmus Borkowski ist in dieser Szene besonders zu würdigen. Kastner zeigt deutlich ihre Zweifel und eine Wandlung der Gefühle bis zum letztendlichen Verkehr, während Borkowski zwar gefühlvoll aber drängend sein theoretisches Wissen anwenden will. Die Harmonie der Beiden ist in dieser Szene sehr wichtig und auch die Begleitung der Szene durch das restliche Ensemble verleiht „Ich vertrau“ Ernsthaftigkeit und Wichtigkeit. Moritz Entschluss dagegen scheint sich nun zu festigen. In „Mach nicht auf traurig“ erkennt er, dass er das Spiel beinahe verloren hat und dass er seine Fehler nicht rückgängig machen kann. Auch das Treffen mit Ilse ändert nichts an seiner Idee. Er erschießt sich und setzt damit seinem Leben ein Ende. Bei der Beerdigung verabschieden sich alle Freunde von Moritz und Melchior macht Moritz Vater in „Es bleibt zurück“ klar, wie sehr ihm sein Sohn fehlen wird. Auch hier schafft es Borkowski mit seiner warmen Stimme die Zuhörer zu berühren.In der Schule wird nach dem Grund für Moritz Selbstmord gesucht. Als Auslöser nennen die Lehrer einen Aufsatz von Melchior, in dem auf 10 Seiten beschrieben wird, wie der Beischlaf genau von statten geht. So wird Moritz ins Lehrerzimmer bestellt, wo er merkt, dass er „Völlig im Arsch“ ist. Dieses rockige Lied ist live wie auf der CD ein Highlight und scheint allen Beteiligten viel Spaß zu machen. Ihre Wehrlosigkeit gegen die Welt der Erwachsenen wirkt dabei durch die junge Cast sehr glaubwürdig und authentisch.In der Zwischenzeit hat sich herausgestellt, dass Wendla schwanger ist. Melchiors Eltern sind dabei genauso geschockt wie Wendlas Mutter. Während Wendla ohne ihr Wissen zu einer Abtreibung gebracht werden soll, überlegen Melchiors Eltern, ihn in eine Korrektionsanstalt zu schicken. Nur Wendla und Melchior sind sich in „Hör nur hin“ einig, dass ihre gemeinsame Nacht kein Fehler war und sie alles gemeinsam schaffen können. Doch alles kommt anders. Wendla stirbt beim Versuch der Abtreibung und Melchior ist verzweifelt auf dem Freidhof, wo er seinen toten besten Freund und seine tote Freundin trifft, die ihm Mut zu sprechen.Am Ende treffen sich alle noch einmal für „Das Lied vom Wind des Sommers“, das von normalem Aufwachsen und von einer neuen Richtung des Windes erzählt.Insgesamt passt die Cast sehr gut zusammen und passt ebenso in das junge Musical von Duncan Sheik und Steven Sater. Doch man fragt sich warum „The mirrow“, „The guikty ones“, die Reprise von „The word of your body“ und „those you’ve known“, die auf der Broadway CD alle enthalten sind, ihren Weg nicht auf die CD aus Wien gefunden haben? Wer aber die rockige Musik des provokanten Stücks auch Zuhause genießen will, macht mit dem Cast live Album bestimmt keinen Fehler, allerdings sollte man wissen, worum es in der Geschichte geht, denn allein aus den Liedern wird man den Zusammenhang nicht erkennen. (sh)
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