„Einer für alle und alle für einen“ erschall es zum ersten Mal im Jahr 2003 in Rotterdam auf einer Musicalbühne. Zwei Jahre später hieß es dann im Berliner Theater des Westens „Vorhang auf“ für die Musketiere; Ende 2006 ging es dann weiter nach Stuttgart.
Nun sind die "3 Musketiere" erstmals in einer Open-Air-Inszenierung zu sehen. Obwohl die seit der Welturaufführung kritisierten Schwächen des Stückes (wie beispielsweise die „Reim-Dich-oder-ich-fress-dich“-Lyrics, die scheinbar unendlich wiederholte Reprise von „Einer für alle“ sowie die Schwarz-Weiß-Charakterzeichnung) auch in der Inszenierung von Marc Clear deutlich erkennbar sind, lohnt sich der Weg nach Tecklenburg durchaus.
Das Bühnenbild (Susanna Buller) ist zwar sehr schlicht, jedoch nutzt die Freilichtbühne die ihr zur Verfügung stehenden Möglichkeiten eindrucksvoll. So wird auch die Ebene oberhalb rechts von der Bühne genutzt, etwa bei der Audienz-Szene des Königspaars oder bei „Heut wird gejagt.“ Eine Madonnenfigur rechts steht symbolisch für die Kirche, in der Anna und Ludwig sich beim Beten begegnen und in der Constance schließlich von Milady de Winter gekidnappt wird. Ganz links vorne werden zwei Wände, die bis dato den Hintergrund für die Bar bildeten, in der Constance aushalf, zum Beginn des zweiten Aktes zum Schiff umfunktioniert – durch simples Zusammenstellen. Auch die Stufen zu beiden Seiten des Zuschauerraumes werden bei „Nicht aus Stein“ genutzt, doch dazu später mehr.Â
Im Kontrast zum Bühnenbild stehen die prächtigen Kostüme, für die Karin Alberti verantwortlich zeichnet. Insbesondere der Conférencier (Stefan Poslovski) sieht rein optisch ganz anders aus als in der Berliner und Stuttgarter Version, ist nicht mehr ein androgynes Wesen als vielmehr ein markanter Mann. Seine Szenen (Prolog erster und zweiter Akt), in denen er die Zuschauer in die Rahmenhandlung einführt, fesseln das Publikum von der ersten Minute an, was nicht zuletzt Poslovskis starker Bühnenpräsenz zu verdanken ist.
Auch deutet sich beim Prolog bereits an, was an späterer Stelle im Stück (z.B. bei „Paris“) zur Gewissheit wird: Wie schon in den Jahren zuvor trumpft Tecklenburg auch diesmal mit eindrucksvollen Massenszenen auf. Die riesige Bühne ist gefüllt mit Menschen. Gaukler, Huren, einfaches Volk, Angehörige des Adels und des königlichen Palastes, Musketiere, Kardinalsgarde – an keiner Stelle des Stücks wirkt die Bühne leer und oftmals muss man im allgemeinen Gewusel erst einmal die Protagonisten suchen, bevor man sie in der Menge ausmachen kann.
Die Besetzung liest sich wie das Who is Who der Musicalbranche und die Inszenierung profitiert ganz klar davon, dass sehr viele Darsteller bereits in den beiden anderen deutschen Musketier-Versionen Erfahrungen gesammelt haben. Allen voran ist da Thomas Hohler zu nennen, der bezüglich seiner Rolle als D`Artagnan sicherlich eine gewisse Routine mitbringt, aber dennoch von Anfang an frisch und unverbraucht wirkt. Sein D`Artagnan ist voll jugendlichen Übereifers, er will sich in der Welt ausprobieren, die er bisher nur aus den Erzählungen seines Vaters kennt. Seine Naivität und seine mitreißende Art machen ihn sofort zum Publikumsliebling. Neben seinem großartigen Spiel weiß Hohler aber auch durch seine hervorragende gesangliche Leistung zu überzeugen. Da sitzt jeder Ton auch unter extremen Bedingungen (wie etwa den anspruchsvollen Fechtszenen).
Marc Clear muss gleich in zweifacher Hinsicht applaudiert werden: Zum Einen war er es, der maßgeblich daran beteiligt war, die "3 Musketiere" auf die Freilichtbühne zu bringen. Er führt Regie und ist somit dafür verantwortlich, dass die Inszenierung gegenüber ihrer Vorgängerversionen etwas straffer und runder wirkt. Einziger Minuspunkt: „Glaubt mir“, einer der Gänsehaut-Momente, wurde ersatzlos gestrichen. Da ist es auch kein Trost, dass der Titel für einige Sekunden beim Einmarsch der Kardinalsgarde angespielt wird. Zum Anderen übernimmt Clear hier wieder die Rolle des Athos. Er spielt den von seiner Liebe zu Milady de Winter zerrissenen Charakter souverän und sticht am meisten aus dem Musketier-Terzett hervor, welches außerdem aus Jens Janke (Aramis) und Enrico Di Pieri (Porthos) besteht. Clears „Engel aus Kristall“ ist das Highlight des Abends und gemeinsam mit seiner Konfrontation mit Milady de Winter einer der berührendsten Momente der Inszenierung.
Yngve Gasoy Romdals Kardinal ist ein Fiesling allererster Güte und so kommt auch während seines Albtraums („Nicht aus Stein“), kein echtes Mitleid mit ihm auf. Überhaupt wird das in dieser Szene steckende Potential nicht richtig ausgeschöpft, da die volle Aufmerksamkeit der Zuschauer nicht auf Richelieu gerichtet ist, sondern auf die fackeltragenden Mönche, die im ersten Teil des Songs majestätisch die Stufen des Zuschauerraums erklimmen. Zweifelsohne sorgen die hell-flackernden Fackeln für viel Atmosphäre in der Dämmerung –aber Richelieus Kampf auf der Bühne, den er mit seinen eigenen Dämonen ausficht (hier dargestellt durch Gestalten in rot-schwarzen Kostümen) verliert dadurch an Intensität, wirkt sogar aufgesetzt. So kann sich der Zuschauer schlussendlich nicht in Richelieus Gemütslage hineinversetzen und selbst dann, als Richelieu auf dem Scheiterhaufen steht und die Mönche mit den Fackeln ihre Ränke um ihn schließen, wirkt die von ihm gefühlte Bedrohung nicht echt. Romdals Spiel wirkt leider über weite Strecken affektiert und er tendiert in seinen Sprechszenen etwas zum Nuscheln. Gesanglich überzeugt er aber.
Femke Sotenga als Milady de Winter wirkt sowohl optisch als auch von ihrem Spiel und Gesang her größtenteils wie die jüngere Version einer Pia Douwes. Sie ist so wie man sich Milady vorstellt und auch Constance ist mit der jungen und bildhübschen Lisa Antoni goldrichtig besetzt. Bei Antoni's warmer Stimme ist es bedauerlich, dass Constance so wenig zu singen hat. So bleibt ihr nur die Reprise von „Alles“ und das Frauen-Terzett „Wer kann schon ohne Liebe sein“ um zu zeigen, was sie stimmlich vermag. Die Frauen kommen gesanglich ohnehin im ganzen Stück zu kurz, und wenn sie etwas zu singen haben, so sagen Spötter, dann ist das ohnehin redundant und nicht der Dramaturgie der Handlung zuträglich. Trotzdem freut man sich als Zuschauer, wenn Wietske van Tongeren „Kein geteiltes Leid“ anstimmt – neben „Wer kann schon ohne Liebe sein“ und dem kurzen französischen Lied bei der Begegnung mit dem Herzog von Buckingham (Harald Tauber) übrigens ihr einziger Song. Zudem wurde van Tongeren, die Königin Anna verkörpert, eine monströse schwarze Perücke verpasst, die auf ihrem Kopf wie ein Fremdkörper wirkt. Dadurch sollte wahrscheinlich unterstrichen werden, dass Königin Anna eine Spanierin ist. Die Frage bleibt, ob eine schmeichelhaftere Perücke die Aufmerksamkeit mehr auf van Tongerens darstellerische Leistung als auf ihr Erscheinungsbild gelenkt hätte. Dass Lars Kemter (König Ludwig) etwas blass bleibt, ist nicht ihm, sondern der Charakterzeichnung anzulasten. Last but not least konnte mit Paul Stampehl ein überzeugender Rochefort gewonnen werden.
Insgesamt gesehen unterscheidet sich die Tecklenburger Inszenierung nur in Nuancen von ihren Vorgängerversionen. So wird Constance hier nicht vergiftet, sondern, wie in der Romanvorlage von Alexandre Dumas auch, von Milady de Winter mit einem Rosenkranz erdrosselt. Außerdem stürzt sich Milady danach nicht vom Turm, sondern erdolcht sich mit Athos' Messer.
Erwähnenswert sind zu guter Letzt noch die großartigen Fechtszenen, die mithilfe von Malcolm Ranson einstudiert wurden und die vor allem Fans der Musketier-Filme das Herz höher schlagen lassen. Unterhaltsam ist das Stück aber nicht nur für Film- und Romanvorlagenkenner, sondern für alle, die sich drei Stunden lang kurzweilig und gut unterhalten lassen wollen. (mil) |