Totally Musical: „Don`t dream it - be it“, oder: Sind wir nicht alle ein bisschen Brad und Janet?
Dienstag, den 28. Juni 2011 um 19:55 Uhr
Silke Milpauer schreibt: Totally Musical - Alles Theater?!Zeitung? Check. Wasserpistole? Check. Knicklicht? Check. Reis/Konfetti? Check. Klopapier? Alte Spielkarten? Check. Wer sich auf diese Art und Weise auf einen Theatergang vorbereitet, leidet nicht etwa an Paranoia, sondern plant einen Besuch beim wohl schrägsten und bizarrsten Musical der Welt. Ob es denn auch, wie der Werbeslogan propagiert, „bloody brilliant“ ist, darüber kann gestritten werden.

Aber wer will schon über Worthülsen streiten, wenn ihm zwei Stunden feinste Interaktionsunterhaltung bevorstehen? Also auf in den Müllsack, wie der große blaue Musical Dome mitunter liebevoll von den Kölnern genannt wird. Seit dem 22.06.2011 und noch bis einschließlich zum 10.07.2011 läuft hier Richard O`Brien`s Meisterwerk welches seit über 35 Jahren absoluten Kultstatus hat.

Nach einem kurzen Abriss der Handlung befragt, geraten zwar auch viele Die-Hard-Fans ins Stocken, erzählen dann schließlich aber doch was von einem jungen, etwas spießig anmutenden Pärchen (Brad und Janet), das sich in einer regnerischen Novembernacht nach einer Reifenpanne auf die Suche nach einem Telefon macht. Irritierten Lesern der jüngeren Generation sei an dieser Stelle erklärend gesagt: Früher, also in ganz grauer Vorzeit, besaß noch nicht jeder Mensch ein Handy, so dass man unterwegs in freier Wildbahn oft auf etwas angewiesen war, was sich Münzfernsprecher (im neudeutschen Sprachgebrauch auch vereinfacht als Telefonzelle bezeichnet) nannte. Dabei geraten die beiden Frischverlobten unglücklicherweise in die Fänge äußerst bizarrer außerirdischer Kreaturen, angeführt von dem exzentrischen Wissenschaftler Dr. Frank’n‘Furter.

Dieser hat sich in seinem Schloss ganz in Frankenstein-Manier an der Erschaffung eines Retortenwesens versucht – ziemlich erfolgreich, wenn man das blonde und gut gebaute Ergebnis namens Rocky Horror betrachtet. Primärer Zweck Rockys scheint wohl zu sein, die sexuellen Bedürfnisse seines Schöpfers zu befriedigen – doch dieser ist gänzlich unersättlich und korrumpiert schließlich auch noch seine naiven und verklemmten Zwangsgäste. Das bizarre, unmäßige Treiben im Schloss mündet schließlich im Mord an Frank’n’Furter und der Rückkehr der übrigen Aliens zu ihrem Heimatplaneten Transsexual in der Galaxie Transsilvanien. Brad und Janet können zwar noch rechtzeitig fliehen, aber ihr Leben und ihre Wertvorstellungen sind durch die kurze, aber intensive Begegnung mit den Wesen vom anderen Planten wohl für immer verändert. Klingt abgefahren? Ist es auch!

Verändert sind auch die Zuschauer: Tagsüber wohl eher unauffällige, brav im Businessoutfit ihrer Arbeit nachgehende Mitglieder dieser Gesellschaft erscheinen viele stilecht im Kostüm, um dem obskuren Spektakel beizuwohnen. Noch nie hat man außerhalb diverser Rotlichtbezirke so viele Netzstrümpfe, Strapse und andere äußerst gewagte Outfits gesehen. Eine Augenweide sind auch einige Herren der Schöpfung, die sich in der Kleiderfrage wohl eher am Charakter des Rocky orientieren. Und sofern der Oberkörper ähnlich gestählt ist wie der des Rocky-Darstellers Sam Cassidy hat da wohl niemand ernsthafte Einwände. Ob nun im typischen Rocky Horror-Outfit oder nicht, die meisten Zuschauer wissen so souverän um den Einsatz der mitgebrachten Utensilien sowie der passenden Zwischenrufe, dass der Verdacht naheliegt, dass es sich um von Musicalitis befallene Wiederholungstäter handelt.

Von mir also ganz klar die Empfehlung: Schaut euch das Stück an, wenn ihr die Gelegenheit dazu bekommt! Einen kleinen Vorgeschmack liefert Euch schonmal die Rezension. Der Spaß-und Unterhaltungsfaktor ist absolut hoch und spätestens dann, wenn die ersten Klänge von „Sweet Transvestite“ und Robs prägnanter Stimme erklingen, kann man auch darüber hinwegsehen, dass die Story selbst vielleicht nicht jedermanns „Cup of Tea“ ist. Aber wie bereits zu Beginn angedeutet: Um die Story an sich geht es bei der RHS auch nicht wirklich...  Wo wenn nicht hier kann man mal aus seiner Haut schlüpfen, zum sexy Vamp oder transsexuellen Verführer mutieren, kurz: Eine gänzlich andere Rolle einnehmen als die, die das Leben einem zugedacht hat? Sind wir denn nicht alle ein bisschen Brad und Janet – gefangen in den starren Konventionen unserer Welt? Wer weiß, wie wir uns verhielten, fänden wir uns in einem ähnlich verrückten Szenario wieder... in diesem Sinne: „Don`t dream it – be it!“

Ist Interaktion bei der Rocky Horror Show nicht nur ausdrücklich erwünscht, sondern sogar fester Bestandteil der Show, so war Zuschauerbeteiligung bei der Derniere von „Tanz der Vampire“ am 25.06.2011 in Wien nicht gewünscht – etwas, was auch Martin Bruny dazu veranlasste, beim Kultur-Kanal (http://www.kultur-channel.at) einen seiner berühmten bissigen, meist aber ebenso treffenden Kommentare zu schreiben. Sehr zum Leidwesen der Fans wurde der geplante Abschiedssong zum Schlussapplaus nämlich nicht gestattet und auch den Darstellern wurde wohl unmissverständlich mitgeteilt, dass Dernieren-Gags nicht gewollt waren.

Das alles wäre ja auch schön, gut und legitim wenn man die Derniere als das betrachtet, was sie eigentlich dem Namen nach ist: Nämlich die reguläre letzte Vorstellung. Werden aber im Vorfeld Karten verkauft, die mit dem doppelten Betrag des normalen Kartenpreises zu Buche schlagen, wird auf diese Art und Weise gespiegelt, dass es sich indes um eine ganz besondere Show handelt/handeln muss. Und wenn die Leute, die in den letzten beiden Spielsaisons für eine Rekord-Auslastung von über 95 Prozent gesorgt haben, dann zurecht enttäuscht und verärgert darüber sind, „business as usual“ vorgesetzt zu bekommen, so ist das ohne Weiteres leicht nachvollziehbar und sollte eigentlich eine wie auch immer geartete Reaktion von Seiten des verantwortlichen Unternehmens hervorrufen. Doch bis dato hat niemand auf die zuhauf auf der TdV-Wien-Facebook-Seite geäußerte Kritik von Fans reagiert, was natürlich böse Zungen daraus schließen lässt, dass die Meinung des zahlenden Publikums – was ja nun auch gewissermaßen seine Pflicht und Schuldigkeit getan hat – dem Unternehmen nicht allzu viel wert sein kann.

Während Einige es sich trotz aller Verbote nicht nehmen ließen, die letzte Vorstellung durch kleinere, den Ablauf der Show nicht weiter störende, Aktionen zu einem erinnerungswürdigen Ereignis zu machen, bemängelten die Meisten vor allem den unwürdigen Rahmen des Abschieds: So stieß vor allem das Fehlen von Intendantin Kathrin Zechner beim Schlussapplaus auf der Bühne bitter auf. Anstatt sich bei Darstellern, Kreativteam, den Menschen vor/hinter der Bühne und last but not least den Fans für den überwältigenden Erfolg der Wiener Neufassung zu bedanken, machte sie sich rar.

So war Lukas Permans Liebeserklärung an Kollegin Marjan Shaki wohl das emotionale Highlight der Show: Perman ersetzte bei seinem Solo „Für Sarah“ einfach das letzte Wort (also „Sarah“) durch „Marjan“ und rief damit wahre Begeisterungsstürme hervor. Und was passierte mit dem eigens von den Fans getexteten Lied als letzte Liebeserklärung für „ihre“ Blutsauger? Es wurde schließlich auf der Straße vor dem Theater gesungen. Es gibt Dinge, die sollte es nicht geben... Aber Aufregen ist da wohl zwecklos und verschwendete Energie – man kann daraus nur eigene, persönliche Konsequenzen ziehen. Wie die aussehen muss Jeder für sich selbst entscheiden.

„Unsere“ Vampire bleiben uns ja noch eine Weile erhalten, und außerdem steht jetzt erst einmal der Open-Air-Sommer an. War es bei der tollen, aber dieses Mal ohne echte Highlights abgelaufenen Pfingstgala Tecklenburg noch ziemlich kühl, so hoffe ich nächsten Freitag auf eine warme und trockene Premiere von „Der Studentenprinz“ in Heidelberg und auf eine rockige, ebenso trockene „Sommernacht des Musicals“ in Dinslaken. Und irgendwann in diesem Sommer geht es auch noch zu den Schlossfestspielen in Ettlingen, um zu sehen, ob die dortige Inszenierung von „Rent“ wirklich so großartig ist, wie ich von vielen Seiten schon gehört habe.

Vielleicht trifft man sich ja bei der ein oder anderen Veranstaltung?

Herzliche Grüße

Eure Silke