Es ist eine gleichermaßen romantische wie auch tragisch-sentimentale Geschichte, die schon seit mehreren Jahrzehnten Touristen aus aller Herren Länder nach Heidelberg lockt und so auch das Bild der Stadt entscheidend geprägt hat. Und obgleich die Geschichte zum Träumen verleitet, hat sie doch kein Happy-End:
Der junge Erbprinz Karl-Franz, seines Zeichens Thronfolger von Karlsberg, erhält die Möglichkeit, für einige Zeit aus seinem goldenen Käfig, nämlich dem Palast seines Großvaters, zu entfliehen und in Heidelberg zu studieren. Dabei lernt er ein Leben kennen, das gänzlich den ihm vertrauten höfischen Traditionen und Werten entgegensteht. Die Ungezwungenheit und die Freiheit des studentischen Lebens in Heidelberg gefallen dem Prinzen ebenso gut wie die Kellnerin Kathie, in die er sich schon bald verliebt. Doch obwohl diese Gefühle erwidert werden, ist den beiden jungen Leuten kein Happy End vergönnt, denn schon bald ruft die Pflicht Karl-Franz wieder in die Heimat, wo er König werden und standesgemäß heiraten muss. Was bleibt, sind allerdings die schönen Erinnerungen an das gute alte Heidelberg. Soweit die Geschichte des Schauspiels „Alt-Heidelberg“ von Wilhelm Meyer-Förster, auf dem Sigmund Rombergs bekannte Operette „The Student Prince“ beruht.
Seit 36 Jahren ist es nun schon Tradition, dieses Stück im Rahmen der alljährlich im Sommer stattfindenden Heidelberger Schlossfestspiele zu präsentieren. Und seit 1988 wird die titelgebende Hauptrolle vom US-Amerikaner Kevin Tarte gespielt, der damit in Heidelberg die Grundsteine für seine Karriere legte. Mittlerweile ist „The Student Prince“ in Heidelberg Kult geworden – berechtigterweise. Wurden früher sowohl die Sprech- als auch die Gesangparts in englischer Sprache präsentiert, so gibt es seit einigen Jahren die Sprechparts auf Deutsch.
Die Atmosphäre im Schlossinnenhof vor der Kulisse des alten Heidelberger Schlosses packt den Besucher, noch ehe das Stück überhaupt begonnen hat. Zwei längliche Tische links und rechts auf der eigentlich recht kleinen Bühne stellen das Bühnenbild dar – mehr braucht es nicht, um die Zuschauer wahlweise in eine studentische Kneipe (1. Akt) oder ins königliche Schloss (2. Akt) zu entführen. Doch zunächst spielt das Philharmonische Orchester Heidelberg unter der Leitung von Ivo Hentschel zur Ouvertüre auf. Bereits hier wird deutlich, auf welch hohem künstlerischen Niveau bei den Schlossfestspielen Heidelberg gearbeitet wird. Die Anfangsszenen führen uns in den königlichen Palast, wo der Erzieher des Prinzen, Dr. Engel, zum Mitglied des geheimen Staatsrates ernannt wird und den Auftrag erhält, seinen Schützling nach Heidelberg zu begleiten, um ihn vor den „Gefahren des Universitätslebens“ zu beschützen und für den „Einhalt der Etikette“ zu garantieren. Doch Dr. Engel (hervorragend gespielt von Ronald Ulen) hat seine eigene Auffassung davon, was Karl-Franz in Heidelberg lernen soll; nämlich Freiheit und Glück außerhalb der „Gefängnismauern“ des Palastes zu spüren. Im Duett „Down where the Neckar“ beschwören Karl-Franz und Dr. Engel die Schönheit Heidelbergs, während „Golden Days“ eine Ode auf die Unbeschwertheit der Jugend und die Macht der Erinnerungen ist und zudem die Verbundenheit der beiden Männer verdeutlicht. Es wird klar, dass Dr. Engel das Wohlbefinden seines Schützlings wichtiger ist als alle Aufträge, die er von dessen Großvater, dem König, erhält.
Fernab des königlichen Hofes bereitet man sich unterdessen in Ruders „Gasthof zu den drei Äpfeln“ fieberhaft auf die Ankunft des Prinzen vor. Diese Unterkunft erscheint dem Kammerdiener des Prinzen, Herrn Lutz, allerdings überhaupt nicht standesgemäß; nicht zuletzt, weil sie ein Treffpunkt für studentische Umtriebe ist. Der betont förmliche und sich seines Standes bewusste Lutz (Peter Pichler) wird dabei als Gegenpol zum liberalen Dr. Engel eingeführt. Mit „Drinking Song“ stellen sich die Studenten vor und preisen sowohl das hervorragende Heidelberger Bier als auch die Kellnerin Kathie als wesentliche Elemente ihres Stammlokals. „I`m coming at your call“ ist Maraile Lichdis erstes Solo, das sie mit beneidenswerter Mühelosigkeit meistert. Ihre Kathie ist eine selbstbewusste junge Frau, die mit den trinkfesten und stets zu Späßen aufgelegten Studenten resolut und mühelos fertig wird. Exemplarisch werden mit Von Asterberg (Aaron Judisch), Lukas (Wilfried Staber) und Detlef (Winfrid Mikus) drei junge Männer aus der Studentenschar vorgestellt. Gemeinsam besingen sie die Freuden des Studentenlebens („A student has a happy lot“). Doch der feucht-fröhliche Abend findet ein jähes Ende, als der Prinz eintrifft. Besonders eindrucksvoll hierbei ist die standesgemäße Einfahrt der königlichen Pferdekutsche, die der Szene Authentizität verleiht. Ob wohl Lutz dem Prinzen vom Verweilen in Ruders Gasthof abrät, zeigt sich dieser von der hier herrschenden studentischen Atmosphäre und vor allem von der liebreizenden Begrüßung durch Kellnerin Kathie so beeindruckt, dass er dort permanent Quartier beziehen möchte. Heidelberg bewirkt auch für Dr. Engels Wohlbefinden wahre Wunder, denn der ältere Herr fühlt sich sichtlich vitalisiert durch die Anwesenheit im „Beloved Heidelberg“.
Trotz Kathies anfänglicher Befangenheit im Umgang mit dem noch nicht sehr weltgewandten Prinzen entwickelt sich zwischen dem ungleichen Paar eine Romanze, die dank Lichdis und Tartes hervorragendem Schauspiel gänzlich glaubhaft wirkt. Parallel hierzu wird dargestellt, wie sich Karl-Franz in seinem „Jahr in Freiheit“ entwickelt. Ist er anfangs doch deutlich geprägt durch seine höfische Erziehung und daher im Umgang mit seinen zwanglosen Kommilitonen etwas überfordert, kann er sich doch recht bald in sein neues Leben einfinden und blüht sichtlich auf. Die Studentenserenade „Serenade“, kraft- und gefühlvoll interpretiert von Tarte sowie das Liebesduett „Deep in my heart, dear“ (Karl-Franz/Kathie) sind die unbestrittenen Höhepunkte des ersten Akts. „Carnival of Springtime“ (Karl-Franz, Kathie, Studenten) unterstreicht schließlich noch einmal, was der Verlauf der Handlung bisher etabliert hat, nämlich die Bedeutungslosigkeit jeglicher Standesunterschiede im studentischen Leben Heidelbergs. So wird der Zuschauer mit einem Hochgefühl in die kurze Pause entlassen.
Der Einstieg in den zweiten Akt schließt gefühlsmäßig an, wo der erste Akt endete. Karl-Franz, nun auch äußerlich nicht mehr vom Rest seiner Kommilitonen zu unterscheiden, hat sich gut eingelebt und kehrt mit seinen Kumpanen, das „Student Life“ besingend, von einer durchzechten Nacht zurück in den „Gasthof zu den drei Äpfeln“. Dort wartet Lutz mit einer schlechten Nachricht auf ihn. Der Premierminister von Mark (Michael Zahn) ist eigens nach Heidelberg gekommen, um ihm Nachricht von der schweren Krankheit seines Großvaters zu überbringen und um ihn zu bitten, umgehend in den königlichen Palast zurückzukehren. Obwohl Karl-Franz weiß, dass der König dort die Staatsgeschäfte an ihn übergeben möchte, ist er hin- und hergerissen zwischen Verstand und Gefühl, zwischen Pflichtbewusstsein und Liebe. Schließlich ist es Dr. Engels, der dem Prinzen ins Gewissen redet und ihn an seine Pflichten erinnert.
Beim schwermütigen „Thoughts will come to me of days” (Karl-Franz/Dr. Engel) verabschiedet sich der Prinz, unter dem guten Zureden seines Erziehers, innerlich von seiner Jugend, was zwangsläufig auch den Abschied von seiner großen Liebe Kathie beinhaltet. Dieser hatte er zuvor einen Ausflug nach Paris versprochen. Vollkommen ahnungslos von den aktuellen Geschehnissen taucht die Kellnerin nun auf, gewandet in ihr bestes Kleid und in Erwartung mit ihrem Liebsten sofort in die Stadt der Liebe aufzubrechen. Ihr freudiges „We're off to Paris, city of joy” wird angesichts der unmittelbar bevorstehenden Abreise Karl-Franz` ad absurdum geführt. In der Reprise von “Deep in my heart” beschwören Karl-Franz und Kathie noch einmal die Kraft der Erinnerungen, denn den beiden Liebenden ist wohl bewusst, dass ihnen beiden nur die Erinnerungen bleiben werden. So ist alles Andere vergänglich, was Karl-Franz einige Zeit später, bei seiner Verlobungsfeier mit seiner Cousine Prinzessin Margarete, durch den Titel „Never more will come again those days of youth“ reflektiert. Auch die Prinzessin, rollendeckend gespielt von Carolyn Frank, wird durch die höfischen Erwartungen fremdbestimmt und deutet in einer privaten Unterredung mit ihrem zukünftigen Ehemann an, dass sie dessen Dilemma nur allzu gut nachvollziehen kann.
Doch Heidelberg ist immer präsent, was durch die Ankunft eines Heidelberger Bekannten, verdeutlicht wird. Toni der Kellner (AP Zahner) ist gekommen, um den König an ein altes Versprechen zu erinnern. Er bringt neben Nachrichten aus Heidelberg auch eine einzelne rote Rose aus den Gärten der Stadt mit. Sentimentale Sehnsüchte, vor allem aber die Erinnerung an Kathie, veranlassen König Karl-Franz schließlich zu einer Stippvisite in seiner alten Studentenstadt, wo er auf seine ehemaligen Kommilitonen trifft. In einem Versuch, die alte Stimmung wieder herzustellen, lässt Karl-Franz bei einigen Krügen Bier die alten Studentenlieder singen. „Immer noch dasselbe und doch so anders“, muss der König schließlich resigniert feststellen. Auch das Wiedersehen mit Kathie offenbart, dass sich Einiges geändert hat. Beide sind erwachsen geworden und sich ihren jeweiligen Verpflichtungen bewusst. „Das Leben ändert sich“ und „Wir wussten doch immer, dass es mit uns nichts werden würde, aber wir können uns immer an die schönen Tage erinnern“, bringt Kathie es letztendlich auf den Punkt, bevor der Vorhang sprichwörtlich mit einer Reprise von „Deep in my heart“ fällt.
Abgesehen von der atmosphärischen Dichte des Stückes und der malerischen Kulisse beeindruckt vor allem die Tatsache, dass gänzlich auf Mikros und Tontechnik verzichtet wird. Allein auf die Kraft der eigenen Stimme angewiesen, schaffen es die meisten Darstellerinnen und Darsteller mühelos, auch die letzten Zuschauerreihen gesanglich sowie schauspielerisch zu erreichen.
Obwohl Lichdis Sprechparts teilweise etwas zu aufgesetzt wirken, vermag sie darstellerisch zu überzeugen und interagiert schlüssig mit dem Ensemble. Gesanglich ist sie über alle Zweifel erhaben und liefert eine großartige Leistung ab.
Allen voran muss aber Kevin Tarte lobend erwähnt werden, der die gesanglichen Partien scheinbar spielend leicht meistert. Vor allem die „Serenade“ und das konkludierende Schlüsselstück „Never more will come again those days of youth“ sorgen für Gänsehaut. Hervorzuheben ist außerdem Tartes hervorragendes Schauspiel, das den Zuschauern mühelos ermöglicht, die charakterliche Entwicklung vom jungen, unbedarften Prinzen zum sich seiner Pflicht stellenden König nachzuvollziehen. Dabei hat man zu keinem Zeitpunkt den Eindruck, dass sich langweilige Routine in seine Darstellung einschleicht, wie man nach so vielen Jahren der Erfahrung in dieser Rolle vielleicht befürchten könnte. Vielmehr scheint Tarte immer wieder neue Facetten zu entdecken und die Rolle des Studentenprinzen permanent weiterzuentwickeln.
Auch der Rest des Ensembles weiß durch die Reihe zu überzeugen und sorgt, gemeinsam mit dem exzellenten Philharmonischen Orchester Heidelbergs, dafür, dass die Zuschauer nach gut 2 ½ Stunden den Innenhof des Schlosses beseelt von einem Wunsch verlassen: Im nächsten Jahr wiederzukommen, um sich die beliebte Operette erneut anzusehen. Möglichst mit der gleichen Besetzung. (mil) |