Sommernacht des Musicals XII - Gute Laune, tolle Künstler und bombastische Stimmung
Sonntag, den 15. August 2010 um 19:09 Uhr
Sommernacht des Musicals, Serkan Kaya - Bild: musical-total.deEine rockige Sommernacht der guten Laune erlebten hunderte Zuschauer im ausverkauften Burgtheater in Dinslaken, wo sich die etablierte „Sommernacht des Musicals“ bereits zum zwölften Mal jährte. Eine Entscheidung, die sich bewähren sollte, war die, Serkan Kaya die Moderation zu überlassen. In seiner gewohnt locker-flockigen Art führte er mit viel Charme und Witz durch die über dreistündige Veranstaltung und trug so maßgeblich zu der von Anfang an bombastischen Stimmung bei. 

Schon zu Beginn des Abends überzeugte Veranstalter Thomas Bauchowitz Kaya von der Notwendigkeit, auch im nächsten Jahr dabei zu sein und besiegelte den Deal sogleich mit einem Handschlag. Sehr öffentlichkeitswirksam wurde auch Stammgast Ethan Freeman per spontanem Handy-Anruf zur Teilnahme an der Gala 2011 eingeladen – PR-technisch natürlich ein kluger Schachzug, den eine so renommierte Veranstaltung wie die „Sommernacht des Musicals“ eigentlich nicht nötig haben sollte.

Sommernacht des Musicals - Bild: musical-total.deInsgesamt war es eine Musicalgala mit vielen „first times“ und Höhepunkten. Sicher zum ersten Mal erlebten die Zuschauer Patrick Stanke mit einer improvisierten Performance von Lena Meyer-Landruts siegreichen Eurovision Song Contest-Titel „Satellite“, wobei das Feedback auf „Patrick Meyer-Landrut“ mehr als deutlich machte, dass man Stankes Version den Vorzug gab. Auch der Künstler hatte sichtlich Spaß bei seiner Interpretation und musste durch Kayas mahnenden Blick auf die Uhr erinnert werden, dass auch noch andere Künstler im ersten Teil der Show auftreten wollten. 

Sabrina Weckerlin bewies mit ihrem gefühlvollen „Blind vom Licht“ (Marie Antoinette), welch großer Verlust es ist, dass dieses tolle Stück ein so frühzeitiges Aus erlebte, während Lucy Scherer sich mit einem gänsehautverdächtigen „Nur für mich“ (Les Miserables) als Eponine empfahl. Zusammen mit ihrem im zweiten Akt gesungenen Titel „Je suis malade“ war dies ihr stärkster Auftritt, hinterließ sie doch leider in der Gesamtheit aller auftretenden Künstler den farblosesten Eindruck.

Sommernacht des Musicals, Sabrina Weckerlin - Bild: musical-total.deDie Ankündigung des Elisabeth-Blocks bedeutete natürlich, dass Uwe Kröger nun in seiner Paraderolle zu sehen sein würde. So war es dann auch keine Überraschung als er, kostümiert im weißen Tod-Anzug, „Der letzte Tanz“ zum Besten gab. Als Duettpartnerin für „Wenn ich tanzen will“ fungierte Sabrina Weckerlin, die trotz eines kleinen Textaussetzers zeigte, dass sie auch als Elisabeth durchaus einsetzbar wäre.

Auch Kaya hat als Luccheni nichts verlernt, im Gegenteil. Mit einem rockigen „Kitsch“ vermochte er mühelos zu überzeugen. In einem Best-of-Elisabeth Medley darf natürlich ein Song wie „Die Schatten werden länger“ nicht fehlen und so ergriff Patrick Stanke beherzt die Gelegenheit, um seine Qualitäten als Kronprinz Rudolf zu beweisen. Während dies unumstritten eine Rolle ist, in der wir Stanke offiziell nie erleben werden, war es überraschend, welche Allround-Fähigkeiten dieser Mann an jenem Abend an den Tag legte. Obwohl es gewöhnungsbedürftig war, einen Mann seiner Statur als Rudolf zu sehen, nahm man ihm diese Partie dennoch mühelos ab.

Sommernacht des Musicals, Uwe Kröger & Patrick Stanke - Bild: musical-total.deStanke war ohnehin der Mann des Abends. Egal was er sang oder sagte, das Publikum tobte. Selbst sein angesungenes „Frei und Schwerelos“, welches das Wicked-Thema für das Frauenduett „Wie ich bin“ (Scherer im roten Kleid als Glinda, Weckerlin im grünen Outfit als Elphaba) etablierte, klang nicht mal schlecht. Mit dem Mozarttitel „Wie wird man seinen Schatten los?“ war er sowieso über jeden Zweifel erhaben, ebenso als D´Artagnan mit „Alles“, welches er im Duett mit seiner Partnerin Sabrina Weckerlin darbot. Verdiente Standing Ovations gab es dann aber schließlich für seine extrem ausdrucksstarke Interpretation von „Gethsemane“ (Jesus Christ Superstar).

Sommernacht des Musicals, Lucy Scherer & Sabrina Weckerlin - Bild: musical-total.deEin besonderer Genuss war außerdem Kayas gefühlvolle Darbietung von „Right here waiting for you“, womit er zeigte, dass er nicht nur die rockigeren Töne eindrucksvoll beherrschte. Neben dem Elisabeth-Block gab es im ersten Akt auch noch AIDA auf die Ohren. „Sind die Sterne gegen uns?“, fragten sich Stanke und Anna Milva Gomez, bevor Weckerlin ihre beiden Kollegen bei dem Terzett „Nicht ich, ich nicht“ unterstützte. Mit vielen humoristischen Einlagen bei „Always look on the bright side of life” verabschiedeten sich schließlich alle Künstler in die wohlverdiente Pause und gaben den Zuschauern so die Gelegenheit, sich für den letzten Teil zu stärken und Erlebtes sacken zu lassen.

Der zweite Akt setzte dann stimmungsmäßig nochmal eine Schippe drauf und begann mit Anna Milva Gomez` eindringlicher Aufforderung „Take me to heaven“. Diese einmalige Künstlerin hat wirklich Soul in der Stimme und lieferte sich gemeinsam mit Weckerlin ein Kopf-an-Kopf -Rennen, was die Popularität im Publikum anging. Doch auch im direkten Duett mit dieser („No more tears“) konnte keine Siegerin ermittelt werden, zu stark waren beide Frauen. 

Sommernacht des Musicals, Anna Milva - Bild: musical-total.deHighlights im zweiten Akt waren dabei unbestritten Krögers „Sweet Transvestite“ im äußerst gewagten Outfit und Kayas Überraschungsauftritt als Elisabeth. Schon immer hätte er mal mit Kröger singen wollen, verkündete der sympathische Künstler, setzte sich rasch eine lange blondgelockte Perücke auf und fügte abschließend unter dem Gröhlen des Publikums hinzu: „Als Elisabeth!“ Danach ließ er den Bademantel fallen und enthüllte ein kleines Schwarzes, bevor er die Schlusszeilen von „Der Schleier fällt“ ansang. Nachdem Kröger seine Gesichtszüge wieder unter Kontrolle hatte, stimmte er enthusiastisch mit ein. Nach Beendigung des Songs und dem obligatorischen (und sehr langen) Todeskuss stand dann für Kröger die Erkenntnis: Kaya kann nicht nur gut singen, er kann auch äußerst gut küssen. Und macht zudem als „Elisabeth“ wirklich keine schlechte Figur.

Sommernacht des Musicals, Serkan Kaya & Uwe Kröger - Bild: musical-total.deAls „Sweet Transvestite“ in neckisch kurzer bayrischer Lederhose (komplettiert mit roter Aids-Schleife auf dem Hinterteil), rotem Shirt und knöchelhohen, silbernen Plateauschuhen sorgte Kröger nicht nur für äußerst ausgelassene Stimmung, sondern erinnerte anschließend auch an das am 28. August 2010 im Bochumer RuhrCongress stattfindende Charity-Konzert zugunsten von Vita Assistenzhunden unter Schirmherrschaft von Bernie Blanks. Außerdem gab es mit Hinweis auf das Accessoire am verlängerten Rücken die Ermahnung, Safer Sex zu praktizieren, bevor Kaya mit einem gerockten „Heaven on their minds“ die Bühne übernahm.

Sommernacht des Musicals, Uwe Kröger - Bild: musical-total.deAbgesehen von den oben bereits genannten, gab es dieses Mal viele ungewohnte, aber keinesfalls schlechte Duettkombinationen, z.B. „When I fall in love“ (Gomez/Kröger), „Das Phantom der Oper“ (Scherer/Kröger) oder auch „Hammer to fall“ (Kaya/Weckerlin). Mit „Roseanne“ (Kröger) und „Beat it“ (Kaya) gab es aber auch Stücke zu hören, die normalerweise nicht zum Galen-Standardrepertoire gehören.

Viel zu schnell hieß es dann mit „We are the champions“  Abschied nehmen vom Burgtheater Dinslaken und einem Künstler-Sixtett, dem man anmerkte, mit wie viel Spaß es bei der Sache war. Selbstverständlich entließ man das Publikum nicht ohne die traditionelle Zugabe von „The time warp“ in die laue Sommernacht. (mil)